
Herr Voß, wie ist es um die Qualität des Frankfurter Kanalnetzes bestellt?
Michael Voß: Das Frankfurter Kanalnetz zählt zu den ältesten in Deutschland. Bereits 1867 erfolgte unter Leitung von William G. Lindley der erste Spatenstich für ein modernes, stadtweites Kanalnetz. Bis 1899 waren bereits 237 Kilometer verlegt und nahezu alle Stadtteile angeschlossen. Heute umfasst das Netz rund 1.600 Kilometer – davon sind etwa 160 Kilometer älter als 100 Jahre. Ein gutes Drittel der Kanäle ist über 75 Jahre alt, das mittlere Alter der Mauerwerkskanäle liegt bei beeindruckenden 110 Jahren. Viele dieser historischen Bauwerke sind noch immer in sehr gutem Zustand – auch wenn in Teilen Sanierungsbedarf besteht. Über ein Viertel aller Kanäle sind Sonderprofile und keine klassischen Kreisprofile. Meist handelt es sich um Mischwasserkanäle, teils auch um Trennsysteme. Die Substanz würde ich insgesamt als sehr solide bezeichnen. Rund 49 Prozent der Kanäle weisen Schäden mit langfristigem Handlungsbedarf auf – hier überwiegend Reparaturbedarf – und 12 Prozent Schäden mit mittelfristigerem Handlungsbedarf. Lediglich bei 1 Prozent besteht sofortiger Handlungsbedarf.
Welche Schwerpunkte setzen Sie bei der Ausführung des Sanierungskonzeptes in Frankfurt?
Voß: Das Kanalnetz zählt zu den größten Infrastrukturwerten Frankfurts. Ziel ist, dieses Vermögen dauerhaft zu sichern. Daher wird der bauliche Zustand regelmäßig per Begehungen und TV-Befahrungen überprüft. Die erste Gesamtschau erfolgte bis 2005, aktuell ist der Wiederholungszyklus kurz vor der Fertigstellung. Diese Zustandsbewertungen dienen als zentrale Entscheidungsgrundlage für die zukünftige Entwicklung und Instandhaltung der Infrastruktur und bilden die Basis für Erhaltungsstrategien sowie Sanierungs- und Investitionspläne. Maßnahmen werden nach Dringlichkeit priorisiert, um vorhandene Schäden effizient und wirtschaftlich zu beheben. Je nach Schadensbild werden geeignete Maßnahmen wie Reparatur, Renovierung oder Erneuerung festgelegt. Dabei verfolgen wir den Ansatz, möglichst wenig vollständig zu erneuern oder zu ersetzen. Wir setzen vielfach auf geschlossene Verfahren und sanieren frühzeitig, um die Substanz langfristig zu erhalten. Da unser Netz trotz seines hohen Alters in sehr gutem Zustand ist, stimmen wir alle Maßnahmen darauf ab, es dauerhaft funktionsfähig zu halten – damit es nicht unnötig altert, sondern möglichst ewig hält. Neben dem baulichen Zustand werden auch Aspekte wie Umweltschutz, Betriebssicherheit und Verkehrssicherheit berücksichtigt. Sämtliche Bewertungen werden in einem fortlaufend aktualisierten Kanalkataster dokumentiert, das eine transparente und langfristige Planung sicherstellt.
Was genau steckt dahinter?
Voß: Wir haben ein prognosegestütztes Substanzerhaltungsmodell erstellt, das die Alterung des Kanalnetzes über Jahrzehnte analysiert. Damit können wir die Entwicklung unseres 1.600 Kilometer langen Netzes bis ins Jahr 2100 präzise vorhersagen und planen, wann Reparaturen, Renovierungen oder Erneuerungen erforderlich sind. Grundlage sind detaillierte Kamerabefahrungen, die eine exakte Zustandserfassung ermöglichen. Auf dieser Basis berücksichtigt das Modell alle Maßnahmen – ob offen oder geschlossen – und liefert eine vollständige Prognose der erforderlichen Eingriffe und Kosten über die nächsten 75 Jahre.
Welche Kriterien spielen für Sie eine Rolle bei der Vergabe von Aufträgen?
Voß: Für die Vergabe gilt: Qualität in der Ausführung und die fachliche Qualifikation der Beteiligten sind verbindliche Voraussetzungen. Wir fordern deshalb nicht nur Gütesicherung, sondern fordern in der Regel auch umfangreiche Bieterangaben. Zudem haben wir sehr klare Vorgaben, wie wir uns das Ergebnis einer Sanierungsmaßnahme vorstellen. Die Gütesicherung Kanalbau ist dabei ein grundlegender Standard, den wir auch bei Bauverfahren fordern. Entsprechende Qualifikationsnachweise sind von den Bietern vorzulegen.




